Mutterschutz und Elternzeit

Veröffentlicht am Kategorisiert in Geburt, Kaiserschnitt, Persönliches, Schwangerschaft, Wochenbett

Körper und Körperlichkeit sind hochpolitische Themen. Tagtäglich begegne ich Menschen, deren körperliche Verwandlung und Anpassung im Zentrum steht. Diese intensive Phase rund ums Kinderkriegen ist  meine Motivation und mein Engagement zugleich. Mit viel Brisanz auf mehreren Ebenen: Körper, Politik, Gesundheit und Gesellschaft.

 

Mutterschutz

Schwangerschaft, Geburt und Rückbildung sind 18 Monate Ausnahmezustand und Körperarbeit – als Hebamme weiss ich, wovon ich spreche.

Eine grosse Herausforderung auf körperlicher und emotionaler Ebene und deshalb eine grosse Leistung, wenn eine Mutter-Person das alles mitmacht, durchsteht und aushält.

Dafür Mutterschutz zu fordern, erscheint mir eine Selbstverständlichkeit. Und zwar Mutterschutz für jede FLINTA-Person. Egal ob verheiratet, in Partnerschaft, alleinstehend, gepatchworked, angestellt, selbstständig, mit privilegierter oder prekarisierter Ausgangslage. Alle sind gemeint, egal welche Ausbildung, Hautfarbe, Gesundheit, Alter, Risiko.

 

Elternzeit

Dass Elternzeit ein aktuelles Thema ist, finde ich super. Von mir aus soll die Elternzeit möglichst lange dauern. Dass Väter (endlich!) mehr zur Familienarbeit beitragen wollen/sollen/müssen ist mit dem Eingebundensein in Elternzeit auch tiptop. Gleichberechtigt Eltern sein wollen – go for it!

Dass Elternzeit aber nicht nur den Vätern, sondern an ihrer Stelle gleichermassen auch anderen Bezugspersonen zukommen soll, das dürfte heute eigentlich kein Problem mehr darstellen. Und dass Alleinstehende nicht vergessen werden – das sollte ebenso klar sein in den momentanen Diskussionen, Ist es aber leider nicht.

 

Mutterschutz plus zusätzliche Elternzeit

Elternzeit und Mutterschutz bedeuten nicht das Gleiche.

Schwanger sein, gebären, stillen, sich rückbilden, ist überhaupt nicht dasselbe wie einfach Bezugsperson für das Kind zu werden. Geburten haben hier in der Schweiz ausserdem eine hohe Interventionsrate: es gibt Dammschnitte, operative Geburten mit Vacuum oder Zange sowie veritable grosse Bauch-Operationen wie den Kaiserschnitt. Das ist keine Funktion oder Rolle übernehmen, das ist pure Körperrealität.

Um die Funktion oder Rolle als Elternteil zu übernehmen, ist eine Elternzeit sinnvoll und zielführend. Gegenseitige Unterstützung und Übergänge müssen eingebaut werden. Aber diese Elternzeit kann auf keinen Fall einen Mutterschutz ersetzen. Elternzeit soll den Mutterschutz ergänzen.

Weil es beim Mutterschutz nicht um eine soziale Rolle geht, sondern um eine physische und physiologische Vorgabe von körperlichen Gegebenheiten, die wir nicht ignorieren oder zum Verschwinden bringen dürfen.

Menschen haben Körper und Embodiment heisst Existenz.

 

Mutterschaft und Wirtschaft

Dass Elternzeit vorallem diskutiert wird, um die aktuell hohe Erwerbstätigkeit von Müttern in der Schweiz noch weiter zu erhöhen, finde ich eine Anmassung der aktuellen Diskussion. Mütter arbeiten in der Schweiz mehr als genug, bezahlt und unbezahlt. Erwerbsarbeit in Teilzeit plus den grössten Teil der Kinderbetreuung plus den Mentalload der Familie tragen – ich glaube, das ist mehr als genug Arbeit! Weil genau diese Arbeit gratis gemacht werden muss, heisst das nicht, das sie nicht sinnvoll ist. Kinderbetreuung ist eine wertvolle Arbeit, auch wenn sie zuhause nicht und in der Kita schlecht bezahlt wird!

Care-Arbeit gar nicht sehen und ihr in feministischen Kreisen keinen Wert zuschreiben – das lässt tief blicken. Genau so funktioniert Kapitalismus: wir merken es gar nicht, dass wir kapitalistisch denken, weil systemisch schon alles so eingerichtet ist…

Warum sollte eine erwerbstätige, also Geld verdienende Mutter per se eine richtigere Mutter, eine emanzipiertere Frau oder ein besserer Mensch sein?

Ich kann nicht zulassen, dass der Emanzipationsgrad einer Mutter alleine definiert wird über die Prozente ihrer Erwerbsarbeit. Und so ihre sogenannte Emanzipation eigentlich nichts anderes bedeutet als ihre weitere Fremdbestimmung infolge Vereinnahmung durch die Wirtschaft.

Feminismus und Emanzipation heisst wählen können – eine echte Wahl haben für das Leben. Und für die Arbeit.

Den Mutterschutz zu vergessen, zu kürzen, zu ersetzen oder in paritätische Elternzeit umzuwandeln – das geht gar nicht.

Und wenn wir schon beim Thema sind: es braucht zusätzlich Mutterschutz vor der Geburt.

Und es braucht auch ein transsensibilisiertes Verständnis von Elternschaft – da muss noch viel passieren. Auch bei mir. Austausch ist willkommen und Anregungen nehme ich gerne entgegen.

Foto: thanks to @whenalexsmiles

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