Wie ich wurde, was ich bin: Mein Weg zur MUTTERHEBAMME

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pORTRÄT VON MUTTERHEBAMME CHRISTIN TLACH

Werden ist ein langer Weg. Und mein Weg zu mir als MUTTERHEBAMME hatte es in sich. Es gab auf jeden Fall zusätzliche Stationen und Menschen, die mich prägten. Davon vielleicht ein anderes mal noch mehr. Heute teile ich diese unvollständige Liste:

  1. 1963: Ich war das erste Kind in der Familie. Ich glaube, das prägt das weitere Leben sehr. Bis heute fühle ich mit den Geschwistern, wenn ein neues Baby in ihre Welt kommt. Und es ist mir ein Anliegen, Eltern zu sensibilisieren und diese unvermeidbaren Kollisionen der Bedürfnisse abzufedern.
Christin Tlach als kleines Kind

 

  1. 1981: Der Abschluss von 12 Jahren Steinerschule war ein Verlusterlebnis. Ich war sehr traurig, als diese Gemeinschaft zu Ende ging. Heute betrachte ich meine Schuljahre natürlich kritischer, aber es gibt immer noch Freundschaften aus dieser Zeit. Ich habe hier mitgenommen, dass ich alles machen könnte, was ich möchte – die Welt steht mir offen und ich habe das Recht, alles zu wollen.
  1. 1984: Die Matur in der Tasche – jetzt wird die Welt verbessert! Ich wollte unbedingt einen sinnhaften Beitrag leisten. Für die Anderen, denen es weniger gut geht oder denen das Leben weniger leichtfällt als mir. Meine Eltern hatten mir das vorgelebt. Und um etwas zu verändern und zu bewegen, muss man eine Position dazu haben. Deshalb wollte ich studieren und später Einfluss haben.  
  1. 1985: Ich war so bereit für das Wissen der Alma Mater. Aber ich wurde von der Universität enttäuscht. Mein Interesse war nicht von Interesse. Es war egal, ob jemand zuhörte oder etwas daraus mitnahm. Es ging nicht ums Lehren, sondern darum, dass die meisten Professoren ihre Vorlesungen abhaken mussten. Das machte mich damals fassungslos. Aber ich habe im Café Mit-Studentinnen getroffen und wir haben über feministische Literatur diskutiert.
  1. 1986: Nochmals alles meiner Berufswahl in Frage gestellt. Jahre gezielter Vorbereitung schienen vergebens, aber der Abbruch des Studiums öffnete meinen Kopf für den entscheidenden und wortwörtlichen Gedankenblitz. Ich muss woanders anfangen, nämlich dort, wo der Anfang ist. Ich habe die Aufnahme-Prüfung zur Hebamme bestanden und sofort angefangen. Erst später wurde mir bewusst, dass meine Urgrossmutter auch Hebamme gewesen war.
  1. 1989: Die Hebammen-Ausbildung zeigte mir Dinge, die ich nicht hätte sehen wollen. Und das schon bei der allerersten Geburt, die ich miterleben sollte. Die Frau bekam ihr viertes Kind und lag auf dem Rücken, der Assistenzarzt stand an der Seite, bereit mit der Schere in der Hand. Die Hebamme sagte: «das geht hier ohne». Der junge Arzt tat es trotzdem – ich werde es nie vergessen, das hässliche Knirschen bei diesem Schnitt. Ein paar Minuten später auf der Toilette brach ich ohnmächtig zusammen. Es wurde nie darüber geredet.
  1. 1990: Die Geburtshilfe im Spital wollte ich so schnell als möglich verlassen. Nach dem Examen bereitete ich mich auf ausserklinische Geburtshillfe vor. Ich glaubte daran, dass Gebären anders aussehen kann als im Spital. Ich machte viele Weiterbildungen und arbeitete in der Nacht auf einer damals modernen Wochenbettstation mit «rooming-in», wo das Baby 24 Stunden lang bei der Mutter bleiben durfte und wo es Familienzimmer gab.
  1. 1993: Mehrere Jahre lang war die ausserklinische Geburtshilfe mein Arbeitsfeld. Ich lernte 1:1 von den Frauen und ihren Familien. Ich war zuverlässig, durchhaltend, zuversichtlich und aufbauend. Meine Arbeit erfüllte mich und meine Tätigkeiten waren vielfältig. Ich habe dabei als Hebamme jedes Gebiet kennengelernt: Schwangerschaftskontrollen, Massagen, Kurse, Einzelbetreuung, Hausgeburt, ambulantes Wochenbett, Stillberatung, Praxisleitung.
  1. 1997: Ich bekomme selber ein Kind. Statt bei einer Hausgeburt wird mein Baby nach langen Geburtswehen mit Kaiserschnitt auf die Welt geholt und muss nach ein paar Stunden auf die Neugeborenen-Station des Kinderspitals verlegt werden. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich erlebte völlige Machtlosigkeit.   
  1. 1999: Lange beschäftigte ich mich mit der Verarbeitung eines Kaiserschnitts. Und mit der unmittelbaren Auswirkung auf die Mutter. Was sie tatsächlich körperlich und psychisch erlebt, während die Situation von aussen gesehen unter medizinischer Kontrolle abläuft. Im Austausch mit anderen Frauen lernte ich ein weites Spektrum an möglichen Reaktionen kennen. Später gab ich auch einige Kurse zu diesem Thema. Mein Interesse an Grenzsituationen hatte sich drastisch erweitert.
  1. 2000: Meine Erkenntnis: Viele meiner Berufskolleginnen haben «Hebammenschubladen». Sie erzählten, wie sie schon im Voraus wissen, welche von ihren betreuten Frauen einen Kaiserschnitt bekommen werde, weil… Sie gingen nicht jedesmal neu und offen und individuell an ihre Arbeit. Das beschäftigt mich noch heute stark.
  1. 2005: Konzentration auf Organisation und Administration. Den direkten Kontakt mit der Geburtshilfe hatte ich etwas abgeschwächt. Die Leitung der Praxis und der Aufbau eines Hebammenladens nahmen mich in Anspruch. Ich versuchte nochmals, früher anzufangen. Mehr werdende Eltern schon vor der Geburt zu interessieren, aufmerksam zu machen auf ihre Wahlmöglichkeiten. Zu informieren, dass sie nicht einfach machen müssen, was ihnen gesagt wird.
  1. 2007: Den standardisierten Umgang mit Kindern in der Schule sehe ich genauso kritisch wie die vorgegebenen Standards in der Geburtshilfe. Menschen sind Individuen. Sie sollen ihr Potential entfalten können, das ist die Aufgabe der Institution. Ich verabscheue diese angestrebte «Mittelmässigkeit», wo alles ohne Reibung ablaufen soll und alle das Gleiche machen müssen, weil das angeblich gerecht ist: «Wo kämen wir hin, wenn das dann alle so machen wollten?» «Wem es leicht gemacht wird, wird später dafür büssen»
  1. 2013: Abschluss meines Masterstudiums. Als freipraktizierende Hebamme hat mir der akademische Titel «Hebamme Master of Science APH Angewandte Physiologie» keine direkten Vorteile gebracht. Keine Aufstiegschancen, nicht mehr Lohn, keine weiteren Einflussmöglichkeiten. Aber es war eine Bekenntnis zur Wichtigkeit von Physiologie in der Geburtshilfe.
  1. 2017: Bindung und Bonding ist Voraussetzung und Ankerpunkt für Eltern und Baby. Ich vertiefe meine Ausbildung BBT Bindungsbasierte Beratung und Therapie® nach Prof Brisch. Es gibt mir Freude und viele Aha-Erlebnisse. Was ich lange Jahre gemacht habe, wird theoretisch untermauert und in einen Kontext gebracht.
  1. 2019: Ich werde Zeugin eines unverhältnismässigen Polizeieinsatzes. Die Konfrontation mit Staatsgewalt und die juristische Auseinandersetzung damit fordert mich auf einer ganz neuen Ebene. Einmal mehr eröffnet sich mir ein weiterer Teil des Spektrums von systemischer Gewalt, die ich von anderen Ebenen her kenne. Ich und meine Tochter werden freigesprochen von der Anklage «Behinderung einer Amtshandlung». Für uns beide ist es ein gemeinsamer Bondingmoment.
  1. 2021: Ich erfülle mir einen lange mitgetragenen Wunsch und fange an zu schreiben. Dreissig Jahre bin ich Hebamme und immer noch werden Frauen nicht gesehen. Bei der Geburt, bei der Babybetreuung, bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Mutterschaft ist DIE Herausforderung im Leben einer Frau. Ich will feministische Mutterschaft unterstützen, deshalb heisse ich MUTTERHEBAMME. Und das heisst für mich auch Systemkritik an Patriarchat und Kapitalismus.

 

2 Kommentare

  1. Liebe Christin, danke dir für deinen Blogartikel. Ich fand es so spannend, von deinem Weg zu lesen. Und hab gleich noch mehr Artikel von dir gelesen. Das Thema Vereinbarkeit und Mutterschaft ist so explosiv. Danke dir für deine Worte.

  2. Wow, Wow, Wow! So eine berührende Lebensgeschichte. Ich bin auch Hebamme, aber erst seit letztem Jahr, quasi ein Frischling. Es erschüttert mich immer wieder, wenn ich höre wie lange dieser Zustand der Geburtshilfe schon so ist und wie wenig sich ändert. Ich finde deine Geschichte und auch das Durchhaltevermögen, was dahinter steht so so stark und beeindruckend. Ich habe der klinischen Geburtshilfe auch den Rücken zugekehrt aus den gleichen Gründen. Danke, für das aufrichtige Teilen deiner Geschichte und für deinen Weg. Ich bin mir sehr sicher, du bist vielen Frauen eine große Stütze und für Neulinge wie mich stets ein Vorbild.

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