Siezen oder Duzen?

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Äussere Form, Körpersprache und natürlich die Sprache selber haben grossen Einfluss auf den Inhalt und den Verlauf von Gesprächen, Beziehungen, Betreuung und Begleitung. Was bewirkt da die Ansprache im Setting der Hebamme? Was bringt Siezen oder Duzen?

 

Siezen und Duzen – kleine Historie zu meinen Anfängen

Am Anfang meines Berufslebens war es klar, dass die Mütter und Väter gesiezt wurden. Im Spital gab es nur diese eine Option. Das war allen so verständlich und das gängige Verhalten. Eigentlich wurden höchstens die direkten Kolleginnen geduzt, mit allen anderen Fachpersonen war ich per Sie. Fürs erste Praktikum bekam ich folgendes Namensschild: Schwester Christin, Hebammenschülerin. Das ging für mich gar nicht – denn ausserhalb des Spitals wurde gerade «das Fräulein» grossflächig durch die Anrede «Frau» ersetzt. Da war «die Schwester» ein klarer Schritt rückwärts. Ich gründete eine Gruppe, die bei der Leiterin der Hebammen-ausbildung darauf bestand, dass die Beschriftung geändert wurde: Frau Christin Tlach, Hebamme i.A.  

Als ich 1992 in die Selbständigkeit als freipraktizierende Hebamme startete, habe ich die Eltern jeweils beim zweiten oder dritten Meeting gefragt, ob wir uns duzen wollen. Das war dann meistens gewünscht und damit von beiden Seiten klar kommuniziert. Aufgrund der langfristigen Beziehung, der nahen Kontakte und der vertrauensvollen Themen rund um intime Körperstellen schien diese Vorgehensweise passend. Während vieler Jahre war das mein Procedere.

Die Freipraktizierenden und Geburtshaushebammen, wollten mit dem vertraulichen «Du» eigentlich auch ihre kontinuierliche, nachhaltige und vor allem individuelle Betreuung unterstreichen.

 

Duzen versus Siezen – Kontinuum versus Fragmentierung?

Spitäler und Kliniken haben grundsätzlich eine ganz andere Organisationsform: die Unterteilung in verschiedenen Sektoren wie Ambulatorium, Schwangerschaftssprechstunde, Pränatalstation, Geburtsabteilung, Wochenbettstation unterbricht jegliche kontinuierliche Begleitung und fördert die Fragmentierung der Mutter-Kind-Einheit und die Fragmentierung des Mutterkörpers. Die Betreuung und die Berufsausübung der Hebamme werden dadurch ebenfalls erheblich beeinflusst. Die geburtshilfliche Crew im Spital ist klar für Segmente der Betreuung verantwortlich und nicht für den ganzen Betreuungsbogen.

Ich denke, nach 2000 fingen immer mehr Hebammen in den Spitälern damit an, den werdenden Müttern und Eltern sofort das Du anzubieten. Zum Beispiel bei Eintritt zur Geburt gleich mit dem Du zu starten.

Davon hörte ich durch die Nachbetreuung von Klientinnen im Wochenbett. Zuerst vereinzelt, dann immer häufiger. Ich erinnere mich noch, was ich damals für mich gedacht habe: «Wollen diese Hebammen sich einschleimen?» «Was wollen sie damit erreichen?» Auf beiden Seiten stehen doch ganz fremde Menschen, die sich ja beim Eintritt zur Geburt zufälligerweise zum allerersten Mal in einer völlig speziellen Situation unter den Wehen begegnen – sich vorher noch nie gesehen haben und sich nachher höchstwahrscheinlich auch nicht mehr sehen werden. Es war mir völlig fremd, bei einem Meeting unter solch ausserordentlichen Umständen wie Wehenverarbeitung unter der Geburt quasi ohne Vorwarnung und mögliche Gegenwehr einen so verwegenen Vorschlag zu präsentieren. Das passte gar nicht für mich – es fühlte sich voll falsch an, weil es keinen Vertrauensaufbau und auch keine Vertrauensfortsetzung gab.

 

Siezen als Forschungsfrage  

Aus diesem Setting heraus stellten sich mir weitere Fragen:

Vielleicht klappt das ja wirklich, dass rein durchs Duzen die Verbindung näher ist oder sich auf jeden Fall so anfühlt oder eben positiv auswirkt?

Vielleicht ist das ganz einfach ein «psychologischer Trick», der rein durch die äussere Form wirkt ohne inhaltliche Füllung?

Wenn Menschen mit «Du» angesprochen werden, fühlen sie sich dann schon sowieso sozial aufgehoben, anerkannt, aufgenommen?

 

Siezen als Experiment

So habe ich einen «Gegenversuch» gestartet:  kann ich trotz dem «Sie» eine nahe, persönliche, herzliche, ehrliche Beziehung aufbauen oder gelingt das wirklich nur mit dem «Du»?

Ab sofort war ich also bei neuen Klientinnen und ihren Familien die Hebamme «Frau Tlach» und per Sie. Der Anfang davon war zweispurig, weil ich ja auch noch Mütter (ein weiteres Mal) betreute, die ich mit «Du» kennen gelernt hatte. Eigentlich entwickelte sich das Experiment ganz gut. Mein fortschreitendes Alter hat da vielleicht auch noch geholfen. Ab und zu gab es Kollisionen, wenn Eltern mich erst später für Stillberatung oder für einen Hebammenwechsel fragten. Sie waren dann schon auf Du eingestellt, weil sie vorher Hebammen hatten, die duzten. Einige wenige Male haben mich Frauen auch gefragt, ob sie mich duzen dürften, weil ihnen das persönlicher vorkäme fürs Wochenbett. Das haben wir dann jeweils persönlich so gelöst, dass wir bei einem Treffen abgemacht und «richtig offiziell» zum Duzen angestossen haben.

Ich habe beobachtet, wie ich selber reagierte, wie die Leute auf mich reagierten, wie sich Vertrauen aufbaute und wie es hielt. Ob es sich gleich anfühlte bei mir, ob es so befriedigend war.

 

Siezen als Masterpiece

Mit dem Abschluss des Masterstudiums 2013 war klar, dass der Aufbau einer professionellen Beziehung mein Hauptinstrument als Hebamme ist. Im Hebammensetting der geburtshilflichen Physiologie heisst professionelle Beziehung eine nahe, wahre, freundliche Beziehung. Professionell sein heisst für mich als Hebamme also folgendes: die Frau echt gern haben. Professionell sein heisst auch. wahres Interesse zeigen, tatsächlich empowern wollen, herzlich verbunden sein. Es gab also ein grosses Übungsfeld und beste Voraussetzungen für mein projektiertes Masterpiece im Siezen.

 

Siezen mit Präsenz und Authentizität

Während meinen anschliessenden Fortbildungen zu Bindungsbasierter Beratung und Therapie BBT® wurde viel über Präsenz, das Gernhaben, das Menschsein ganz am Anfang des Lebens gesprochen. Also zum Beispiel darüber, wie ernst gemeint mein Nachfragen ist. Ob es mich tatsächlich interessiert, was die Mutter übers Baby erzählt, wie echt meine Nachfrage, wie authentisch mein Feedback ist. Und natürlich kam auch zur Sprache, wie ich mein Gegenüber beobachte. Geschieht dies mit einer wertschätzender inneren Haltung und mit der Bereitschaft, selbst das kleinste vorhandene Stückchen Beziehung, Bonding und Attachment zu sehen? Und sei das Stückchen noch so klein oder kurz – genau dort zu starten, dort anzuknüpfen mit dem Vorhaben, genau diese Person und dieses Kind voll zu unterstützen.

Oft sind Mütter zu Beginn mit ihrem Baby verloren – sie verstehen es nicht, sie kennen die neue Situation nicht, sie sind körperlich und gefühlsmässig irgendwo im Nirgendwo. Das Schreien und die Hilflosigkeit des Babys versetzt sie zurück in eigene Erlebnisse und lässt sie mehr oder weniger bewusst erkennen, wie abhängig, wehrlos und total ausgeliefert ein Baby ist. Manchmal fühlen sich selber als kleines Baby, das vielleicht weniger Schutz erfahren hat als es gebraucht hätte. Da ist es nicht einfach, klar auf der erwachsenen Seite zu bleiben und nun als Mutter das eigene Baby bestmöglich zu betreuen und nicht selber das kleine Kind zu werden.

Genau hier habe ich gemerkt, dass ich das mit dem Siezen unterstützen kann – die erwachsene Person ansprechen: nämlich Frau Eichenberger, Frau Graber, Frau Abderhalden und natürlich auch bei den Vätern Herr Gammenthaler, Herr Schmid und Herr Carlucci. Hier meine ich explizit ihre erwachsene Seite, genau die, die jetzt zuständig ist, diese Lebensphase anzupacken und die Versorgung des Babys sicherzustellen.

 

Siezen als Berufspolitik?

Auch berufspolitisch finde ich Siezen interessant. Vielleicht sogar ein zusätzlicher Ansatz zur weiteren Professionalisierung des Hebammenberufs. Hebammen sind nämlich in der aktuellen öffentlichen Wahrnehmung oft einfach Assistentinnen. Das mag einerseits an den Institutionen, wo Hebammen ihren Beruf ausüben und/oder an den Hebammen selber liegen. Es ist ein Fakt, dass die Berufsausübung nicht überwiegend als selbständig und fachlich unabhängig gesehen wird. Vielleicht wäre da Siezen ein einfacher und von Ärztinnen und Ärzten vielfach erprobter Ansatz: Professionalität=Expertise=Autorität=wird gesiezt=das ist die Abmachung.

Früher waren viele Hebammen per Sie mit den Familien. Meine ersten Bekanntschaften mit «alten Hebammen» waren damals Frau Martha Vazzaz, Frau Marie Zürcher – da gab es keinen Zweifel, die Anrede war «Frau» und Siezen. Ihre natürliche Autorität wurde damit unterstrichen und sie waren unabhängig, beeindruckend, tatsächlich frei praktizierend.

Wir Jüngeren haben uns damals einfach modern gefühlt, weil wir zum Duzen übergingen. So ändern sich (immer wieder) die Zeiten…

 

Siezen bringt Status  

Unterdessen bin ich sicher, dass das Siezen in meinem Berufsfeld vorwiegend Vorteile hat. Und dass ich trotzdem oder gerade deswegen eine sehr respektvolle Beziehung auf Augenhöhe aufbauen und wachsen lassen kann.

Durch meine so ausgedrückte Wertschätzung gegenüber der Mutter mit Status als Expertin ihres Lebens erhalte ich gleichzeitig meine Anerkennung als Hebamme mit Status Expertin für physiologische Geburtshilfe.

 

 

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