„Für die erste Geburt ist es sicherer im Spital“ – warum das einfach nicht stimmt

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Bei einer ersten Geburt ist sowieso alles neu: noch nie gesehen, gefühlt, gemacht, erlebt. Warum sich zukünftige Mütter ausgerechnet für dieses Ereignis mehrheitlich fremden Fachpersonen und einer unbekannten Institution namens Spital ausliefern, ist mir ein Rätsel. Das Spital ist seit vielen Jahren der meistgewählte Geburtsort. Meistens im Zusammenhang mit der ärztlichen Person, die das Schwangerschafts-Dossier der zukünftigen Mutter führt. Natürlich ist die Wahl der Frauenärztin oder des Frauenarztes eine ganz persönliche Sache, die ja auch meist schon mehrere Jahre zurückliegt. Natürlich vermittelt es Sicherheit, wenn eine ärztliche Vertrauensperson mit an Bord ist. Dazu verfügen Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz über ein hohes Ansehen und gutes Image. Und für ein Kind ist nur das Beste gut genug.

In unserer Gesellschaft hat medizinische Betreuung einen hohen Stellenwert und die Spitäler grosse Akzeptanz. Obwohl es durchaus Kritikpunkte gibt: Die Abteilungen, Zuständigkeiten und Kompetenzen sind streng hierarchisch organisiert, interne Weisungen und Weisungsbefugnisse können nicht hinterfragt werden, es gibt keine unabhängige Kontrolle und beim Personal wird gespart.

Wieso ist gebären im Spital trotzdem so beliebt? Vielleicht weil es sicher erscheint, wenn es alle so machen?

Es gibt gute Gründe, einen persönlichen Realitätscheck des ausgewählten Spitals zu machen. Ausserdem gibt es gute Gründe, einen anderen Geburtsort zu wählen.

 

Orientierung als Mütter-Greenhorn

Mütter widmen sich heute erst relativ spät in ihrem Leben der Mutterschaft und haben bis kurz vor der Schwangerschaft keine Ahnung davon. Obwohl sie so viel Zeit haben, bevor sie tatsächlich Mutter werden, haben sie neben den theoretischen Lücken meistens null praktische Erfahrung. Ihre bereits Mütter gewordenen Freundinnen und Arbeitskolleginnen erzählen vorwiegend diejenigen Stories, von denen jede glaubt, dass sie von ihnen erwartet werden. In einer solchen Umgebung ist es schwer, ein Greenhorn zu sein.

Die Tatsache, eine Anfängerin zu sein, führt hoffentlich zum Entschluss, Hilfe zu suchen. So weit, so gut – also braucht die Anfängerin Wissen, aufbauende Schritte, Orientierung, Support und Empowerment. Sie will vorwärts gehen, eine Ausbildung bekommen und am Ende möchte sie es selbst können.

Als «Mütter-Ausbildnerinnen» und «Mütter-Begleiterinnen» wären Hebammen die geeigneten Fachpersonen. Physiologie ist ihr Wissen, ihr Arbeitsfeld, ihre Berufserfahrung und die individuelle Umsetzung in die Praxis ist ihr Alltag. Mutterschaft ein komplexer körperlicher und psychischer Anpassungsprozess über 18 Monate. Das ist kein Nasenwasser, aber auch keine Hochrisikosache. Fruchtbarkeit und Fortpflanzung sind Ausdruck von menschlicher Physiologie und persönlichen Ressourcen – sie sind nicht apriori gefährlich oder reparaturbedürftig.

Nur kommen diese Hebammen in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich gar nicht vor. Die Anwesenheit von Hebammen als Expertinnen für die physiologische Mutterschaft wird marginalisiert: Gebären im Geburtshaus oder Zuhause dürfen sich höchstens Mehrgebärende leisten, die bewiesen haben, dass sie «es» können. Erstgebärenden wird von allen Seiten dringend davon abgeraten, ausserhalb des Spitals zu gebären. Dabei sprechen die Zahlen in den vorhandenen Untersuchungen dafür. Für eine gesunde Schwangere und explizit auch Erstgebärende stehen die Chancen gut, bei einer Beleghebammengeburt, einer Hausgeburt oder im Geburtshaus mit weniger Interventionen und Verletzungen aus der Geburt herauszukommen. Dabei ist der Outcome für das Kind gegenüber den Spitalgeburten vergleichbar. Im Klartext bedeutet das, nach der Geburt gesünder zu sein, ohne das Kind zu gefährden.

Falls diese Informationen nicht erreichbar sind, bleibt die Geburtsvorbereitung eine Möglichkeit zur Orientierung. Vor vielen Jahren gab ich Kurse, die 10 Kursabende à 2 Std dauerten und dann noch einen Abend mit Baby nach der Geburt anhängten. Heute besuchen die Erstmütter mit Ihren Partnern einen Crash-Kurs des Spitals am Wochenende. Hier hören sie, wie eine Geburt im gewählten Spital abläuft, welche Schmerzbekämpfung wann zur Verfügung steht und besichtigen (hoffentlich!) die Räumlichkeiten der Geburtsabteilung.

 

Wissen ist Macht

Die Erstmutter sieht von aussen gar nicht in die Organisationsstrukturen des Spitals: Sie weiss nicht, dass die Hebamme, die sie in zu den letzten Kontrolluntersuchungen rund um den Geburtstermin begleitet hat, gar nicht auf der Geburtsabteilung arbeitet. Sie kann nicht ahnen, dass die Crew, die sie so freundlich empfangen hat, in einer Stunde weg ist, weil ein Schichtwechsel ansteht. Vielleicht macht sie gute Erfahrungen in der Akupunktur-Sprechstunde, aber unter der Geburt ist niemand da mit Kenntnissen dazu. Die lange Geburtsarbeit macht die Frau mit ihrem Partner und einer fremden Hebamme. Die bekannte Vertrauensperson aus der Frauenarztpraxis wird meistens nur kurz vor der Geburt dazu gerufen. Vertretungen von Frauenärztinnen oder Frauenärzten werden nicht immer im Voraus kommuniziert In vielen Spitälern betreuen Hebammen mehr als eine Frau gleichzeitig unter der Geburt. Ausserdem haben sie gleichzeitig zur Geburtsbegleitung diverse administrative und organisatorische Arbeiten zu erledigen.

Eigentlich reichen schon diese Beispiele, um Nachfragen zu starten. Aber dann wollen Mütter doch nicht allzu kritisch sein, weil sie merken, dass viele Fachpersonen erwarten, dass ihnen vorbehaltlos Vertrauen entgegengebracht wird. Wer will da schon den Goodwill aufs Spiel setzen und unangenehm oder kompliziert eingestuft werden? So fühlen sie sich inkompetent, dürfen im besten Fall wünschen, aber nicht echt mitbestimmen, weil sie ja «da» nicht drauskommen.

Von verschiedenen Seiten wird in diesem Stadium vermittelt, dass sich die zukünftige Mutter wegen der Geburt «ja keine unnötigen Sorgen machen soll», dass «es kommt, wie’s kommt», dass sie unbedingt offen und flexibel bleiben muss und sich «nicht zu sehr verkopfen» soll. Sie wird beraten, nicht zu wählerisch, nicht zu kritisch und nicht zu misstrauisch zu sein. Sondern den bisher eingeschlagen Pfad besser beizubehalten, denn schliesslich machen es ja alle so.

Und plötzlich hat’s dann auch gar keine Zeit mehr nach Alternativen zu suchen oder viele Fragen zu stellen – nach der 34. Woche wechselt keine Frau mehr den geplanten Geburtsort.

 

Nichtwissen ist Ohnmacht   

Und so wird es kommen, wie’s kommen muss: Beim Eintritt ins Spital wartet die unbekannte Hebamme hinter den Milchglas-Schiebetüren der Geburtsabteilung und nimmt hier die ihr unbekannte Frau in Empfang. Eine schwierige Begegnung: Hebamme als Fremde – Gebärende in einer speziellen körperlichen Verfassung.

Für eine Geburt braucht es Intimität, Sicherheit und Vertrauen, um sich einlassen zu können auf diese völlig ungeübte Situation. Es braucht Mut, mit der Dynamik der Kontraktionen zu arbeiten. Es braucht Halt, um sich auf die Wirkung der Hormone einzulassen. Es braucht eine motivierende Stimmung, um trotz Müdigkeit und grosser körperlicher Anstrengung bei sich und beim Kind zu bleiben. Es braucht das Gefühl von Angenommensein, um all diese sehr intimen Körperausscheidungen wie Urin, Stuhl, Fruchtwasser, Blut, Schleim für die Geburt zuzulassen und nicht zu verklemmen. Es braucht eine ruhige Atmosphäre, um als Gebärende von den physiologischen Absicherungsvorgängen zu profitieren.

Das Physiologie-Programm für die Geburt von Menschen stammt aus der Steinzeit. Unser Nervensystem und die zuständigen Hirnanteile brauchen dafür unbedingt auch Steinzeitverhältnisse zur Absicherung: also vertraute, anwesende und tatsächlich verfügbare Menschen bedeuten mehr Sicherheit als kontinuierlich abgeleitete Herztöne über einen Monitor oder einen Venenzugang mit Infusion.

Gebärende Frauen brauchen eine vertraute Umgebung und verfügbare Menschen, die dabei sind. Und genau dazu gibt es ganz aktuell neue verbindliche Leitlinien AMF, die im deutschsprachigen Raum eine gute Betreuung unter der Geburt gewährleisten sollen und die vom Schweiz.Hebammenverband und der Schweiz. Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe miterarbeitet wurden.

Lesen Sie bei diesen Leitlinien, was Ihre Rechte als Gebärende sind und welche Anforderungen es gibt an Geburtsumgebung und professionelle Begleitung. Fragen Sie nach, wie diese Vorgaben im Spital ihrer Wahl verwirklicht sind.

 

Fragen über Fragen

Und sowieso, denken Sie nicht, dass es schon gut kommen wird. Denken Sie bitte auch nicht, sie dürften nicht fragen. Wie in aller Welt sollten Sie sonst einer völlig unbekannten Crew mit unbekannten Regeln und fehlender Kommunikation vertrauen können? Wenn Sie Vertrauen in fremde Leute und fremde Umgebung haben möchten, dann muss das doch auch Hand und Fuss haben.

Schliesslich sind Sie persönlich dafür zuständig, dass Sie für Ihr Wohlergehen und Ihren Körper sorgen. Hier fängt auch an, dass Sie Verantwortung als Mutter übernehmen. Also fragen Sie unbedingt, prüfen Sie auf Herz und Nieren, wer in Ihre Nähe kommt und wie sie betreut werden. Hier ein paar Fragebeispiele:

  • Haben Sie Garantie auf eine 1:1 Betreuung?
  • Wie viele Frauen muss eine Hebamme gleichzeitig betreuen?
  • Gibt es genug Hebammen auf allen Schichten?
  • Wie und was können Sie mitbestimmen?
  • Werden Sie tatsächlich in alle Entscheidungen miteingebunden?
  • Wie können sie essen und trinken unter der Geburt?
  • Wer bestimmt die Geburtsposition?
  • In welcher Geburtsposition gebären am meisten Frauen?
  • Wie viele Dammschnitte werden gemacht?
  • Wie hoch ist die Kaiserschnitt-Rate unter den Erstgeburten?
  • Wird das «Thema Gewalt unter der Geburt» irgendwie angesprochen?
  • Wie können Sie Ihre Hebamme wählen?
  • Gibt es Beleghebammen?
  • Steht ihre Ärztin oder ihr Arzt tatsächlich rund um ihren Geburtstermin zur Verfügung?
  • Wer kommt als Vertretung während Abwesenheiten und Ferien?
  • Welche standardisierten Zeitbeschränkungen gelten für die verschiedenen Geburtsphasen?

Um die medizinische Infrastruktur an ihrem Geburtsort brauchen Sie sich nicht zu kümmern, die ist in diesem Land sowieso ok. Aber schauen Sie, welcher Ort Sie auf einer anderen Ebene anspricht: gehen Sie dorthin, wo sie sich willkommen, sicher und geborgen fühlen. Wo Sie gesehen und gehört werden, wo Sie ernst genommen und einbezogen werden. Vertrauen Sie Ihrer Wahrnehmung, denn Sicherheit hat viele Aspekte und entsteht im ganzen Körper, nicht nur im Kopf.

Zur Sicherheit der Geburt braucht es auf der körperlichen Ebene stark positive Signale von menschlicher Anwesenheit. Vertraute Menschen in der Nähe, emotionale Unterstützung verfügbar, Kommunikation und Beziehung stimmen – das autonome Nervensystem und damit die Steuerung der Hormone reagiert darauf positiv und beeinflusst entsprechend den Geburtsverlauf. Eine zusätzlich zum Partner anwesende, bekannte Frau (Freundin, Schwester, Mutter) verkürzt den Geburtsvorgang und verbessert das Geburtserleben, das ist bekannt und durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt.

 

Vertrauen Sie sich – machen Sie einen Geburtsplan    

Wenn Sie die Fragen gestellt und die Überlegungen gemacht haben, dann haben Sie wahrscheinlich unterdessen auch Ihre Wahl getroffen. Wo für Sie der richtige Ort ist, das sollten Sie selber entscheiden. Für mich ist es wichtig, dass Sie gewählt haben und nicht einfach hineingeschlittert sind.

Und wenn Sie bis hier gelesen haben, wird es Ihnen verständlich erscheinen: Machen Sie einen Geburtsplan (hier ein zweites Beispiel), wo Sie Ihre Wünsche und Anliegen hinterlegen. Sie werden dabei merken, was Ihnen tatsächlich wichtig ist und was Sie brauchen, um sich wohlzufühlen. Bringen Sie die Liste persönlich zum Geburtsort Ihrer Wahl.

Ihre hinterlegte Liste hilft auch den bei der Geburt anwesenden Hebammen, Sie zu verstehen und Sie zu unterstützen. Und ein im Voraus abgegebener Geburtsplan ist natürlich praktisch, falls Sie bei Ihrer Ankunft nicht mehr gut reden können oder wollen, weil Sie mit Ihrer Geburtsarbeit beschäftigt sind.

Sichern Sie sich also ein Geburtsteam, dem Sie von ganzem Herzen (und mit ihrem ganzen Körper) vertrauen. Eine Geburt ist etwas Spezielles, eine grandiose Öffnung des Körpers, die Sie gleichzeitig verletzlich und unbesiegbar macht.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie fragen und wählen. Dass Sie als Anfängerin Support bekommen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen passenden Ort und ein unterstützendes Geburtsteam finden. Damit Sie sich persönlich auf Ihren Geburtsprozess einlassen können und sich dabei nicht ausliefern müssen.

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